
Mit „Frontière“ meldet sich Dernière Volonté, das Projekt des Franzosen Geoffroy Delacroix, beeindruckend zurück. Dieses 2019 erschienene Album bedeutet nicht nur eine Rückkehr nach einer Schaffenspause – es zeigt eine echte künstlerische Entwicklung, denn es ist eine der persönlichsten Veröffentlichungen des Projekts. Delacroix verbindet meisterhaft die melancholischen, retro-elektronischen Klänge seiner Arbeit mit modernen, starken Beats. Das Ergebnis ist ein Werk voller Gefühl sowie Klangschönheit, das einen sofort fesselt.
Die musikalische Reise auf „Frontière“ wechselt gekonnt zwischen minimalistischen Synth-Elementen, dunklen Wave-Klängen und fast filmischer Elektronik. Lieder wie „Je parlerai du noir“ erinnern mit ihrer düsteren Melodie an John Carpenter Soundtracks – der Titelsong „Frontière“ besticht durch seine eingängige, minimalistische Kraft und die treibenden Beats. Man spürt den Einfluss von Delacroix‘ Parallelprojekt Position Parallèle – das gibt den synth-lastigen, tanzbaren Rhythmen eine zusätzliche, fesselnde Ebene. Diese bleibt jedoch stets von einer Patina der Introversion oder Melancholie umhüllt. Delacroix‘ tiefer Gesang, oft mit Étienne Daho verglichen, verleiht den Stücken eine unverwechselbare, poetische Note.
Das titelgebende Konzept der „Grenze“ behandelt man hier wörtlich und metaphorisch meisterhaft. Die Texte erzählen vom Überschreiten physischer und emotionaler Grenzen – vom Umgang mit Verlust aber auch Einsamkeit, aber auch vom Überwinden persönlicher Beschränkungen. Delacroix spricht das Verschwinden geliebter Menschen an und verwebt diese persönliche Erfahrung in eine universelle Erzählung aus melancholischen Visionen und einsamen Orten. Lieder wie „Dis-Moi“ und „Ton Grand Sommeil“ vertiefen diese Themen mit Lyrik, die poetisch und verständlich ist.
Viele Höhepunkte des Albums verdienen es, hervorgehoben zu werden – sie zeigen eine durchgängig hohe Qualität. „Tu Connaîtras Mon Âme“ eröffnet das Album mit einer hypnotisierenden, fast sinnlichen Atmosphäre. „Nous Savons Pourquoi“ und „Au-Dessus Des Lois“ zeigen eine rhythmische Intensität, die an die früheren, martialischeren Wurzeln des Projekts erinnert. Diese präsentiert man aber mit moderner Eleganz und einem klaren Produktionswert. Der Abschluss „Jusqu’à Ce Que…“ lässt einen mit einer Mischung aus Hoffnung sowie Resignation zurück – eine Dualität, die für das gesamte Werk typisch ist.
Die Produktion ist durchweg hochwertig, mit einem klaren und dennoch warmen Klangbild, das Delacroix‘ Fokus auf Emotion oder Atmosphäre perfekt unterstreicht. Veröffentlicht als CD mit einem 16-seitigen Booklet, als limitierte Schallplatte und in High-Resolution Digital – offensichtlich legte man große Sorgfalt auf das gesamte künstlerische Paket. Während einige langjährige Fans vielleicht die martialischeren Töne der frühen Werke vermissen – „Frontière“ gilt weithin als logische und gelungene Fortsetzung einer Entwicklung hin zu mehr Melodie, Gesang und elektronischer Komplexität. Es ist ein Album, das Grenzen überschreitet – nicht nur thematisch, sondern auch musikalisch – und sich dabei als zeitlose Fusion aus Vergangenheit aber auch Gegenwart etabliert. Wer Dark Wave, Cold Wave und minimale Elektronik mag, für den ist „Frontière“ ein absolutes Muss – ein Beweis, dass wahre künstlerische Entwicklung darin liegt, neue Wege zu gehen, ohne die eigene unverwechselbare Stimme sowie Seele zu verlieren.