ROME – The Tower

ROME - The Tower
ROME – The Tower

Seit nunmehr zwei Jahrzehnten wandelt Jerome Reuter mit seinem Projekt ROME durch die Schattengalerien europäischer Geschichte, besingt gefallene Imperien, vergessene Ideale und die ewige Wiederkehr menschlicher Tragödien. Mit The Tower – seinem mittlerweile achtzehnten Studioalbum – gelingt ihm ein Werk von solch verdichteter Kraft, dass es selbst langjährige Bewunderer in ehrfürchtiges Staunen versetzt. Hier steht ein Künstler auf dem Zenit seines Schaffens und blickt mit klarem Auge hinab auf die Trümmer der Moderne.

Bereits die ersten Takte des Openers lassen erahnen, dass dieses Album anderen Gesetzen folgt. Eine einzelne Akustikgitarre, fast zögerlich gezupft, macht Raum für Reuters Stimme – jenes tiefe, vom Leben gezeichnete Instrument, das über die Jahre an Textur und Ausdruckskraft gewonnen hat wie ein alter Cognac an Komplexität. Dann setzen Streicher ein, nicht bombastisch, sondern behutsam, wie ein aufziehender Nebel über herbstlichen Feldern.

Die Produktion von The Tower verdient besondere Erwähnung. Reuter und sein Team haben einen Sound geschaffen, der organisch atmet und doch monumentale Dimensionen erreicht. Die Arrangements bewegen sich geschmeidig zwischen folkloristischer Intimität und neoklassischer Erhabenheit, zwischen der kargen Schönheit einer einzelnen Trompete und der überwältigenden Präsenz eines vollen Orchesters. Drums und Percussion – wo sie zum Einsatz kommen – pulsen wie ein müder, aber beharrlicher Herzschlag unter den melodischen Schichten.

Besonders bemerkenswert ist die räumliche Qualität der Aufnahmen. Man hat das Gefühl, sich tatsächlich in einem Turm zu befinden: Klänge hallen von steinernen Wänden wider, Stimmen scheinen von oben herabzusinken oder aus verborgenen Kammern zu dringen. Diese akustische Architektur ist kein bloßer Effekt, sondern dient der emotionalen Wirkung des Gesamtwerks auf tiefgreifende Weise.

Jerome Reuter ist unter den Songwritern seiner Generation vielleicht der literarisch versierteste, und The Tower zeigt ihn in absoluter Höchstform. Seine Texte waren stets reich an Anspielungen, doch hier erreichen sie eine neue Ebene der Verdichtung. Man spürt Yeats‘ Vision des zusammenbrechenden Gyrus, Ernst Jüngers kontemplative Distanz, Rilkes existentielle Dringlichkeit – und doch bleibt alles unverkennbar Reuter.

Der titelgebende Turm entpuppt sich als kaleidoskopische Metapher, die mit jedem Hören neue Facetten offenbart. Er ist der Turm zu Babel, Symbol menschlicher Hybris und göttlicher Strafe. Er ist der Elfenbeinturm des Intellektuellen, Zufluchtsort und Gefängnis zugleich. Er ist der Wachturm des Soldaten, der Leuchtturm des Suchenden, der Glockenturm, der zum Gebet ruft oder Alarm schlägt. In einem besonders eindringlichen Track wird er gar zum Grabmal – ein vertikales Mausoleum für begrabene Hoffnungen.

Reuter singt von Kriegen, die nie enden, nur die Form wechseln. Von Männern, die in Ruinen nach Bedeutung suchen. Von einer Europa, die ihre eigenen Kinder vergessen hat. Doch bei aller Düsternis durchzieht das Album eine seltsame Wärme, eine fast trotzige Zärtlichkeit. In The Tower klagt Reuter nicht nur an – er trauert, und in dieser Trauer liegt ein merkwürdiger Trost.

Wie ein sorgfältig konstruierter Roman folgt The Tower einer inneren Dramaturgie, die das Hören am Stück nicht nur empfiehlt, sondern geradezu fordert. Die zwölf Tracks bilden einen Bogen vom Erwachen über den Aufstieg bis zum unvermeidlichen Fall – und darüber hinaus.

Die erste Hälfte des Albums etabliert Themen und Motive, lässt den Hörer langsam in Reuters Welt eintauchen. Die Mitte bringt die emotionalen Höhepunkte: orchestrale Ausbrüche, die an Ennio Morricones epischste Kompositionen erinnern, gefolgt von Momenten erschütternder Stille. Das finale Drittel führt durch Trümmer und Asche, um schließlich in einem Closer zu münden, der zu den schönsten Stücken gehört, die Reuter je geschrieben hat – eine Meditation über Vergänglichkeit und Weiterleben, die lange nachhallt.

Zwischen den Hauptstücken finden sich instrumentale Passagen und Klangcollagen, die als Schwellen zwischen den Kapiteln fungieren. Feldaufnahmen – Wind, der um alte Mauern streicht, ferne Kirchenglocken, das Knistern eines Feuers – verankern das Abstrakte im Konkreten, das Mythische im Alltäglichen.

Für Kenner von Reuters Werk bietet The Tower zahlreiche Rückbezüge auf frühere Alben. Melodische Phrasen aus Nos Chants Perdus tauchen in neuer Gestalt auf, lyrische Motive aus Le Ceneri di Heliodoro finden ihre Fortführung. Und doch ist dies kein nostalgisches Album, keine Selbstzitation. Reuter nimmt die Fäden seines bisherigen Schaffens auf, um sie zu einem neuen, größeren Muster zu verweben.

Gleichzeitig öffnet sich The Tower mutiger als seine Vorgänger gegenüber neuen Einflüssen. Man hört Anklänge an Scott Walkers späte Experimente, an die erhabene Traurigkeit von Dead Can Dance, an die filmische Wucht von Godspeed You! Black Emperor. Eine Gastsängerin – deren Identität im Booklet nicht preisgegeben wird – verleiht zwei Tracks eine ätherische Gegenpoligkeit zu Reuters erdiger Präsenz.

Man kann The Tower nicht hören, ohne an die Welt zu denken, in der es entstanden ist. Die multiplen Krisen der 2020er Jahre – geopolitisch, ökologisch, existentiell – haben ihre Spuren in diesem Werk hinterlassen. Und doch verweigert sich Reuter jedem einfachen Kommentar, jeder tagespolitischen Einordnung. Seine Perspektive ist die des Historikers, der weiß, dass auch dies vorübergehen wird, und die des Poeten, für den das Vorübergehende gerade deshalb ewige Bedeutung besitzt.

In einer Musiklandschaft, die zunehmend von Algorithmen und Aufmerksamkeitsökonomie dominiert wird, ist The Tower ein anachronistisches Bollwerk. Es fordert Zeit, Hingabe, wiederholtes Hören. Es belohnt die Geduld mit Schichten von Bedeutung, die sich erst nach und nach erschließen. Es ist, mit anderen Worten, genau das, was Musik im besten Fall sein kann: ein Portal in andere Bewusstseinszustände.

Mit The Tower hat Jerome Reuter nicht einfach ein weiteres Album vorgelegt – er hat ein Monument errichtet. Ein Werk, das die Qualitäten zusammenführt, die ROME über zwei Jahrzehnte ausgezeichnet haben: literarische Tiefe, musikalische Schönheit, emotionale Wahrhaftigkeit und eine unnachahmliche Fähigkeit, das Vergangene im Gegenwärtigen aufscheinen zu lassen.

Dies ist ein Album für die einsamen Stunden nach Mitternacht, wenn die Welt zur Ruhe kommt und die großen Fragen wieder aufsteigen. Es ist ein Album für Herbstspaziergänge durch alte Städte, für das Blättern in vergilbten Büchern, für das stille Gedenken an das, was war und nicht mehr sein wird. Es ist, kurz gesagt, ein Meisterwerk.

Sollte The Tower tatsächlich – wie manche Gerüchte besagen – Reuters Abschiedswerk sein, dann wäre dies ein Abgang von majestätischer Würde. Sollte es jedoch der Auftakt zu einem neuen Kapitel sein, dann dürfen wir mit Spannung erwarten, welche Höhen noch zu erklimmen sind.

Kaufen. Hören. Wiederholen. Staunen.

Für Fans von: Death in June, Current 93, Nick Cave & The Bad Seeds, Dead Can Dance, Scott Walker, Ordo Rosarius Equilibrio