Ulver – Neverland

Ulver - Neverland
Ulver – Neverland

Eine Karriere über drei Jahrzehnte führte Ulver von den eisigen Gipfeln norwegischen Black Metals durch verschlungene Pfade aus Elektronik, Ambient sowie Kammermusik. Man dachte, die Band betrat jeden vorstellbaren Raum. Mit Neverland zeigen Kristoffer Rygg und seine Mitstreiter aufs Neue, wahre Künstler hören nie auf, neue Türen zu finden, deren Existenz uns unbekannt war.

Neverland ist nicht nur ein Album, es ist eine Séance mit der eigenen Kindheit. Der Titel nimmt Bezug auf J.M. Barries mythisches Reich, ein Ort, wo Zeit stillsteht aber auch Erwachsenwerden eine bewusste Wahl bleibt. Ulver nehmen diese Anspielung und brechen sie durch ihre eigene dunkle Linse. Ihr Neverland ist kein sicherer Ort, es ein Ort der Trauer über Dinge, die unwiederbringlich verloren sind.

Musikalisch bewegt sich die Musik auf einem Feld, das man als „nächtlichen, filmischen Dream-Pop“ umschreiben könnte. Synthesizer ziehen sich wie Nebel durch die Stücke, während Ryggs Stimme, die sich zu einem tief intimen Instrument entwickelte, zwischen leisem Sprechen und eindringlichem Vortrag wechselt.

Der erste Titel zieht Zuhörer sofort in einen Zustand wacher Trance. Ulver verstanden schon immer, Atmosphäre bildet das Fundament der Musik. Die Produktion bringt eine Schärfe hervor, die fast schmerzt; jedes Detail, jede feine Abstufung scheint präzise gesetzt, ohne dabei kühl zu wirken.

Was Neverland von früheren Arbeiten trennt, eine klare Direktheit. Wo Alben wie The Assassination of Julius Caesar mit ironischer Distanz arbeiteten, öffnet sich hier ein Fenster zu etwas erschreckend Aufrichtigem. Die Musik ist zugänglicher, melodischer – gerade deshalb verstörender in ihrer emotionalen Wirkung.

Manche Momente auf dem Album fühlen sich an wie das Betrachten des Fotos einer verstorbenen Person. Diese bittersüße Empfindung durchzieht jedes Lied wie ein roter Faden. Ulver schufen einen Klang, der zugleich Trost spendet und untröstlich macht. Die rhythmischen Strukturen pulsieren wie ein Herzschlag im Halbschlaf, spürbar, aber gedämpft, als kämen sie durch Wasserwände. Elektronische Beats verbinden sich mit organischen Texturen zu etwas, das weder ganz menschlich noch ganz maschinell erscheint. Das Musik einer Schwelle, eines Zwischenbereichs.

Ulver zeichnet die Weigerung aus, sich zu wiederholen. Trotzdem fühlt sich Neverland seltsamerweise wie die gesamte bisherige Reise der Band an. Echos ihrer Black-Metal-Anfänge klingen in den dunkleren Abschnitten nach, die experimentellen Ausflüge der mittleren Jahre spiegeln sich in unerwarteten Klangentscheidungen – die reife Eleganz jüngerer Arbeiten gibt der Musik Halt.

Neverland ist das Werk einer Band, die nichts mehr beweisen muss und gerade deshalb alles riskiert. Es ist ein Album über die Sehnsucht nach einem Ort, der nie existiert hat – oder vielleicht nur in jenen flüchtigen Momenten zwischen Wachen und Schlafen, wenn die Realität ihre Konturen verliert.

Mit diesem Werk fügen Ulver ein weiteres Kapitel einem Werk hinzu, das zu den bemerkenswertesten der gegenwärtigen Musik zählt. Neverland vermeidet Eskapismus, es erkennt an, dass der Eskapismus selbst eine Täuschung darstellt – und behauptet zugleich trotzig, dass diese Täuschung ihren eigenen Wert besitzt.